Neujahrswunder: Meine erste eigene Geburt als werdende Hebamme.

Bildschirmfoto 2020-01-11 um 20.27.35Erster Januar 2020. Ich habe Frühdienst und bin überall und nirgends. Ich befülle die Kreißsäle, bringe Betten, lege CTGs an. Dann sagt jemand, ich kann mit in die 7: Es geht um die Betreuung einer Zweitgebärenden mit ordentlich Wehen.

Als Hebammenschülerin ist es das, worauf ich jeden Tag im Kreißsaal warte: Eine Geburt, die ich bis zu Ende betreuen darf. Eine Geburt, bei der ich selbst das Kind entgegennehme und an die Mutter übergebe. Eine Geburt, die wichtig ist für meine Praxisnachweise – unzählige Tabellen, die es zu füllen gilt. Und die doch so viel mehr ist als nur eine Zahl. Wie oft habe ich in den vergangenen Wochen mitgelitten, wenn sich Kinder schlecht ins Becken eingestellt, Herztöne besorgniserregend verändert oder Wehen plötzlich stagniert haben. Wenn ich die Frauen in den OP begleiten musste oder zusehen, wie ihre Kinder mit Hilfe einer Saugglocke geboren werden. Das alles sind Momente, in denen eine Betreuung durch die Hebamme sehr wichtig ist, der Arzt jedoch das Kommando übernimmt. Das heißt für mich als Hebammenschülerin dann meist, ganz genau zu beobachten und zu lernen, jedoch selbst nur noch als Komparse die Situation mitzuerleben.

Manchmal dachte ich schon, dass auf mir eine Art Fluch haftet, der bewirkt, dass nahezu alle meine Geburten so endeten. Schließlich hatten meine Mitschüler schon so viel mehr gemacht, seit wir ganz offiziell Geburten durchführen dürfen. Dann wiederrum war ich auch schon das ein oder andere Mal im letzten Moment „abgesprungen“, als das Kind kam. Selbst Schuld, sozusagen. Ein kleiner Angsthase, verunsichert durch den Wechsel in diese riesengroße Klinik und die Unberechenbarkeit, die jede Geburt mit sich bringt.

Doch diesmal würde ich nicht kneifen. Diesmal würde ich mich trauen. Genauso mutig sein, wie die Frau, die hier soeben ihr zweites Kind auf die Welt bringt. Die Untersuchung ergibt, dass ihr Muttermund schon 8 cm geöffnet ist. Die Kontraktionen lassen sie beben. Wie ein Tiger streift sie durch den Raum, fällt mit jeder Schmerzwelle auf die Knie und veratmet diese. „Ich kann das nicht“, sagt sie.“ Du machst das ganz wunderbar“, beteuere ich. Die Hebamme lässt mich übernehmen. Sie geht zur Übergabe an den Spätdienst und ich bleibe mit der Gebärenden und ihrem Mann allein. Vom ersten Moment an war da diese ganz besondere Chemie. Das hier ist wirklich ein sehr sympathisches Pärchen, mit dem ich direkt ins Gespräch kam. Wir könnten Freunde sein, sie erinnern mich an meine Freunde.

Bevor sie gegangen ist, meinte die Hebamme, die pralle Fruchtblase würde sicher bald von allein platzen. Aufmachen sollen wir sie, sagt sie Frau. Dass wir das auch so schaffen, sage ich. Ich knie mich neben sie und versuche, sie zu überzeugen: „Wenn du dich traust, dann setz dich in der nächsten Wehe nach hinten und mach den Rücken ganz rund.“ Während sie den Kopf schüttelt, folgt sie meinen Worten. Ein lautes Knacken ist zu hören, dann ergießt sich das Fruchtwasser durch den Raum. Sie muss mitschieben, ihr Körper – die Urgewalt der Geburt – zwingt sie dazu. Ich drücke die Klingel.

Zuerst kommt die Ärztin, dann die Hebamme. Ich ziehe mir Handschuhe an, beide nicken mir zu. Dann sehe ich viele dunkle Haare. Die kleine Madame ist bereit und passiert ziemlich rasant die letzten Zentimeter auf ihrem Weg ans Licht der Welt. Ich bremse sie in ihrer Euphorie, um ihre Mutter vor Verletzungen zu schützen. Sie gleitet kopfüber heraus in meine Hände. Das Adrenalin schießt durch meinen Körper, als ich sie ihrer Mutter in die Arme lege. Die Hebamme und die Ärztin lehnen sich an den Schrank und genießen den Moment. Dieses pure, nackte, unfassbare Glück. Und ich. Ich versuche, an alles zu denken. Pulsiert die Nabelschnur noch? Wie gut passt sich das Kind an? Ist es warm genug? Die Stimmung ist gelöst, die Plazenta ebenso. Ich darf auch ihre Geburt unterstützen und dann endlich gratulieren. Der Mutter, die so kraftvoll und anmutig geboren hat. Und ihrem Mann, dem Fels in der Brandung.

Auf dem Heimweg begreife ich, was passiert ist und beglückwünsche auch mich selbst. Zu meiner ersten eigenen und zauberschönen Geburt als Hebammenschülerin.❤

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