Cytotec: Schuld ist nicht die Tablette.

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Cytotec. Eine kleine Tablette, die durch einen Fernsehbeitrag der ARD zum Thema der Woche wurde. Von einem Skandal ist die Rede, denn Cytotec – ursprünglich ein Magenschutzmittel – wird trotz fehlender Zulassung für die Geburtseinleitung genutzt und kann dabei zu ernsten Komplikationen bis hin zum Tod von Mutter oder Kind führen. Auf den ersten Blick lautet die einzig logische Konsequenz: Cytotec muss aus der Geburtsmedizin verschwinden. Warum das nicht die Lösung des Problems ist und welche Fragen wir uns im Rahmen der Diskussion tatsächlich stellen sollten, darum soll es hier gehen. 

Vorweg: Ich bin Hebammenschülerin. Kein Arzt, keine Betroffene. Meist bin ich nur Beobachter im Kreißsaal, wenn es um das Thema Geburtseinleitung geht. Manchmal hole ich das Medikament aus dem Kühlschrank, in der Schule habe ich gelernt, was es macht. Und genau hier zeigt sich schon der erste große Schwachpunkt in der hitzig geführten Cytotec-Debatte. Im Prinzip wirken nämlich alle zur Geburtseinleitung genutzten Mittel – egal ob zu diesem Zweck zugelassen oder nicht – gleich.

Gleiches Prinzip – gleiche Nebenwirkungen

Leitet man eine Geburt medikamentös ein, gibt es verschiedene Möglichkeiten der Darreichungsform und Dosierung. Zum Einsatz kommen meist künstliche Prostaglandine, die den Muttermund weich machen und Kontraktionen der Gebärmutter auslösen sollen. Normalerweise schüttet der weibliche Körper eine ausreichende Menge an Prostaglandinen aus. Macht er das nicht – zum Beispiel bei Überschreitung des Geburtsstermins um mehr als 14 Tage – wird eine Geburtseinleitung mit künstlichen Hormonen notwendig.

Diese werden entweder als Vaginalgel (Minprostin, Wirkstoff: Dinoproston, Protaglandin E2) lokal am Muttermund einmassiert oder oral in Tablettenform (Cytotec, Wirkstoff: Misoprostol, Prostaglandin E1) verabreicht. Doch ganz egal, auf welchem Weg die Protaglandine in unseren Körper gelangen – es handelt sich um die gleiche Wirkstoffgruppe mit nahezu identischen Nebenwirkungen. So findet sich auch im Beipackzettel des zugelassenen Vaginalgels unter den Nebenwirkungen ein „häufiges“ Auftreten von uteriner Überstimulation („Wehensturm“) sowie „sehr häufig“ eine krankhafte Veränderung der kindlichen Herzfrequenz. „Sehr häufig“ – das betrifft in diesem Fall mindestens eins von 10 Kindern. „Häufig“ immerhin mehr als 10 von 100 Frauen. 

Misoprostol bleibt.

Ist Cytotec allein also wirklich das Problem? In einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) heißt es, entgegen der Berichterstattung rund um Cytotec sei die Evidenz des Wirkstoffes Misoprostol unter Experten unstrittig: „Der Wirkstoff Misoprostol ist das effektivste Medikament zur Geburtseinleitung und führt vor allem bei der oralen Anwendung zu weniger Kaiserschnitten als mit anderen Medikamenten (Dinoproston, Oxytocin).“ Zudem verweist die DGGG in ihrem Statement darauf, dass bis zum letzten Jahr mit „Misodel“ ein in Deutschland zugelassenes Misoprostol-Präparat zur Geburtseinleitung verwendet wurde. Ende 2020 soll dann in Deutschland mit der Zulassung von „Augusta“ – der Wirkstoff ist ebenfalls Misoprostol – gestartet werden.

Das Prinzip der Geburtseinleitung wird also bleiben. Zumal der Wirkstoff Misoprostol gegenüber dem E2-Prostaglandin den Vorteil bietet, dass es auch von Asthmatikern eingenommen werden kann. Die orale Gabe vermindert zudem das Infektionsrisiko im Vergleich zur lokalen Applikation am Muttermund.

Die Frage lautet also nicht, ob, sondern unter welchen Rahmenbedingungen weiter mit Misoprostol (und anderen wehenförderndern Mitteln) eingeleitet wird. So spricht sich die DGGG klar gegen eine Verwendung in bestimmten Fällen aus, zum Beispiel wenn eine Frau bereits per Kaiserschnitt geboren hat oder es eine andere Art von Operation an der Gebärmutter gab. Und auch, wenn eine Gebärende bereits Wehentätigkeit entwickelt habe, solle von einer weiteren Geburtseinleitung abgesehen werden. Sonst bestehe u.a. die Gefahr, dass es zu einer Überstimulation der Gebärmutter kommen und das Risiko für eine Uterusruptur steigen könne.

Wir müssen reden.

Kommt es jedoch trotz klarer Kontraindikationen zur Anwendung von wehenfördernden Mitteln oder gar zu einer Überdosierung, so ist nicht das Medikament für auftretende Schäden verantwortlich zu machen, sondern der, der es anordnet. Und auch wenn es im Vorfeld aus medizinischer Sicht keine Gründe gibt, die gegen eine Geburtseinleitung sprechen, muss dringend eine umfassende und ehrliche Aufklärung der Frau erfolgen. Das ist es doch, woran es in der Praxis eigentlich mangelt. Nämlich an Zeit. Zeit für Aufklärung, für Nachfragen, für Bedürfnisse und Alternativen. Und das, ohne Angst zu machen. Gerade in der Geburtshilfe stellt das die Ärzte vor eine große Herausforderung.

Klar, ohne Einwilligung wird niemand Cytotec und Co. verabreichen. Die Qualität der Aufklärung dahinter variiert jedoch enorm. Stichwort „Informed Choice“. Leider viel zu selten werden Schwangere umfassend beraten, sodass sie eine informierte Entscheidung treffen können. Das Ergebnis sind traumatisierende Geburten mit psychischen und physischen Folgen für Mutter und Kind. Und immer wieder klagen die Betroffenen an: „Das hat mir keiner gesagt.“

Fakt ist: Jede Intervention – und dazu zählt zum großen Teil die Geburtseinleitung – kann den Geburtsverlauf maßgeblich beeinflussen. Dazu gehören übrigens auch zunächst harmlos erscheinende „Mittelchen“ wie der Wehencocktail oder eine manuelle Eipollösung. Dabei wird die äußere Hülle der Fruchtblase mit der Hand vom Gebärmutterhals gelöst. Hier sitzen die Rezeptoren, die die Prostaglandinproduktion steuern. Durch das manuelle Eingreifen durch Hebamme oder Arzt soll diese angeregt werden. Auch bei diesen Methoden gibt es Frauen, die mit starken Nebenwirkungen reagieren und deren Geburtsverlauf dadurch maßgeblich beeinflusst wird.

Andersherum kann eine Einleitung komplett ihre Wirkung verfehlen und tagelang ohne Erfolg, sprich Wehen, bleiben. Auch darüber sollten die Frauen im Vorfeld informiert werden. Nicht selten erlebe ich werdende Mütter, die breits seit Tagen eingeleitet werden und bei denen sich nichts tut. Sie entwickeln keine Wehen, sind jedoch schon stationär aufgenommen, müssen alle vier Stunden für mindestens 30 Minuten ein CTG schreiben lassen, schlafen schlecht, sind erschöpft und frustriert vom ernüchternden Krankenhausalltag – und das bereits, bevor die Geburt begonnen hat.

Die Frage nach dem „Warum“?

Dass eine solche Belastung bereits vor Geburtsbeginn Auswirkungen auf den weiteren Verlauf hat, ist absehbar. Meist spricht man in diesem Zusammenhang von einer Interventionskaskade: Es wird „natürlich“ eingeleitet, die Frau entwickelt keine Wehen, die medikamentöse Einleitung folgt, dann heftige Wehen, PDA, die Wehentätigkeit lässt nach, es wird ein Wehentropf angehängt, wieder „unechte“ Wehen, die kindlichen Herztöne fallen ab, Notkaiserschnitt.

Deshalb stelle ich mir oft die Frage: Warum leiten wir überhaupt ein? Nimmt man die Theorie zur Grundlage, gibt es im wesentlichen folgende Gründe für die Einleitung einer Geburt:

  • Überschreitung des errechneten Geburtstermins um maximal 14 Tage
  • Vorzeitiger Blasensprung, auf den innerhalb von 48 Stunden keine Wehen folgen (Infektionsrisiko)
  • Erkrankung der Mutter (Diabetes, Präeklampsie)

Was ich in der Praxis jedoch häufig erlebe, ist ein recht willkürlicher Umgang der Ärzte mit Einleitungen. So variiert die Definition von „Terminüberschreitung“ von Klinik zu Klinik – manchmal sogar von Arzt zu Arzt. Und auch der Verdacht auf Makrosomie – das Kind wird per Ultraschall sehr schwer geschätzt – wird bei gefühlt jeder zweiten Frau als Indikation für die Geburtseinleitung angegeben. Geht man jedoch davon aus, dass der Ultraschallbefund um 500g abweichen kann, so stellt sich die Frage: Warum manipulieren und nicht zunächst (mit einer natürlichen Geburt) probieren?

Insgesamt werden – laut IGES Gutachten – unglaubliche 28% der Geburten eingeleitet. Achtundzwanzig. Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Hier sollten wir mal genau hinschauen, anstatt uns in der Debatte auf ein einziges Medikament zu fokussieren. In Anbetracht des bestehenden Hebammenmangels liegt es nämlich auf der Hand, dass diese 28% der Gebärenden mit Sicherheit nicht die notwendige engmaschige Überwachung erhalten können, die eine Geburtseinleitung – egal ob „natürlich“, mechanisch oder medikamentös – erfordert.

Das System ist kaputt.

Das alles bringt mich wieder einmal zu der Erkenntnis, dass der Schlüssel zur Lösung des Problems in einer 1:1 Betreuung durch die Hebammen steckt. Denn wir könnten aufklären, wir könnten umfassend informieren, wir könnten professionell und bedürfnisnah betreuen, wenn es genug von uns in den Kreißsälen gäbe. Das alles könnten wir, wenn die Geburtshilfe keinen Profit machen müsste. Wenn die Fallpauschalen wegfallen, wenn die natürliche Geburt nicht weniger Geld bringen würde als ein Kaiserschnitt. Wenn die kleinen Geburtskliniken nicht schließen und sich auf physiologische Geburten fokussieren könnten. Wenn wir nicht drei bis vier Schwangere und Gebärende pro Schicht versorgen müssten und Geburten endlich wieder mehr Zeit und Raum bieten könnten. Eine Geburt ist nicht planbar, der natürliche Verlauf sollte im Fokus stehen und gefördert werden. Und nicht das Eingreifen in eben diesen.

Für mich bleibt die Hoffnung, dass sich die Diskussion in Zukunft nicht um eine einzelne Tablette dreht, sondern um das ganze kaputte System der Geburtshilfe in Deutschland. Dieser Beitrag soll keinesfalls kleinreden, was den Betroffenen passiert ist. Im Gegenteil: Die in der Berichterstattung gezeigten Schicksale berühren mich zutiefst und es ist wichtig und längst überfällig, dass genau diese Fälle an die Öffentlichkeit gelangen. Dass die Opfer zu Wort kommen. Und endlich jemand zuhört.

Dass wir hinschauen. Und zwar genau.

3 Gedanken zu “Cytotec: Schuld ist nicht die Tablette.

  1. Ein wunderbarer und sehr professioneller Kommentar mit fundiertem Wissen und Weitblick. Du hast mir quasi
    von der Seele geschrieben. Kaum zu glauben, dass eine Hebammenschülerin über soviel Weitsicht verfügt.
    Ich bin seit 30 Jahren Hebamme und hätte die Problematik nicht besser schildern können. Vielen Dank dafür.
    Dorothea
    Dor

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  2. Danke für den Artikel!

    Ich selbst wurde auch eingeleitet – vorzeitiger Blasensprung, keine Wehen, 5 Tage über ET. Nach ner halben Tablette Oxytocin ging es ganz schnell los mit den Wehen und 6 Stunden später lag unser gesundes Kind in meinem Arm. Alles gut gegangen!

    Aber: man kriegt im KH ne Zettel: „Bitte hier unterschreiben, ist Routine!“ Keine Erklärung dazu. Ich konnte meine Mutter anrufen, die ist Gynäkologin und fragen, was das ist und war somit beruhigt.

    Aber ich frag mich trotzdem, warum dieses Thema nicht schon im Geburtsvorbereitungskurs oder bei den zahlreichen Frauenarztterminen ein Thema ist? Bei letzteren gibt’s wahrscheinlich keine Abrechnungsziffer dafür – wie immer.

    Fazit: du hast völlig recht, letztendlich geht es wieder mal nur um Zeit und Geld. 😦

    Ich wünsche dir immer ganz viel Zeit mit deinen Schwangeren und dass du auch fair dafür bezahlt wirst!

    Gefällt 1 Person

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