„Lasst sie gebären.“ – Gedanken einer Hebammenschülerin im Klinkalltag

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„10:37 Uhr. CTG kann ab. Bitte mal das Geburtsset.“ Kurz und prägnant sind die Anweisungen der angespannten Ärztin. Ich tue, was sie sagt. Wut und Fassungslosigkeit verberge ich hinter meinem Mundschutz. Tränen und Schweißperlen rinnen über mein Gesicht. Dann ein kräftiges Schreien, es holt mich aus meiner Trance. „Hauptsache, dem Kind geht es gut.“ Die Worte dringen wie durch Watte zu mir hindurch. Ich will auch laut schreien. Ihnen sagen, dass das nicht richtig war. Dass Geburt so nicht sein darf. Doch ich bleibe stumm.

Denn noch bin ich „nur“ die Schülerin. Keine examinierte Hebamme, niemand mit viel Erfahrung. Was ich aber mitbringe, ist Wissen darüber, wie eine physiologische Geburt funktioniert. Wie man sie begleiten kann, welche Hormone wichtig sind und wie empfindlich dieser ganze wertvolle Prozess gegenüber Störquellen ist. Ich bin fasziniert davon. Doch leider erlebe ich hier in der Klinik zu selten das vollendete Schauspiel der Natur. Denn nicht immer läuft alles glatt. Die Herztöne der Kinder rauschen ab, manchmal gelingt der Weg durchs Becken einfach nicht. Oft bin ich dankbar, dass in solchen Fällen jemand da ist, der einen Ultraschall machen, einen Notkaiserschnitt durchführen und Neugeborene mit Anpassungsstörungen versorgen kann.

Weniger dankbar jedoch bin ich, wenn zu früh und ohne triftigen Grund interveniert wird. Denn dann passiert genau das, was hier eben geschehen ist: Frauen werden entbunden. Sie werden der Möglichkeit beraubt, selbstbestimmt und natürlich zu gebären. Und es bricht mir das Herz. Jedes verdammte Mal. Immer, wenn ich daneben stehe und nichts tun kann, nichts sagen oder vorschlagen darf, keine Stimme habe. Genau, wie jetzt.

Dabei fing alles so gut an. Im Frühdienst haben wir Lena übernommen. Sie veratmete die Wehen in der Badewanne, ihr Mann hielt ihre Hand. Beide freuten sich auf ihr erstes Kind, waren hoch motiviert und einfach nur toll zusammen. Lena meisterte die immer stärker werdenden Kontraktionen so souverän und intuitiv wie eine Göttin. Wir untersuchten sie, der Muttermund war schon fast vollständig eröffnet. Die Hebamme und ich ließen Lena entscheiden, was sie jetzt brauchte. Sie hatte ein gutes Körpergefühl, positionierte sich, kreiste das Becken, pustete, tönte schon leicht. Das leise „Galoppieren“ der kindlichen Herztöne vollendete die geborgene Atmosphäre. Wir versuchten das, was wir hörten, auch einzufangen, damit es auf dem Monitor zu sehen ist. Denn häufig – gerade in dieser Phase der Geburt – kommt es zu Problemen bei der Aufzeichnung der Herztöne. Die Hebamme flüsterte mir zu: „Das CTG muss gut schreiben, damit nicht gleich jemand rein kommt.“ Ich nickte und wir wechselten uns ab – je nach Position der Frau hielten wir abwechselnd den Knopf, beobachteten, bereiteten alles vor für die nahende Geburt.

Dann ging die Tür auf. Die Ärztin kam herein, stellte sich kurz vor und fummelte am CTG. Sie ließ sich von uns eine kurze Übergabe machen und meinte, dass das Kind ja schon ein wenig reagieren würde. Dem war in der Tat so. Nur reagierte es genau in der Wehe mit einer leicht abfallenden Herzfrequenz, die sich jedoch schnell erholte. Das sind so genannte „frühe Dezelerationen“, die insbesondere im fortgeschritten Geburtsverlauf auftreten können. Sie sind zu unterscheiden von „späten Dezelerationen“, die leicht verzögert auf Wehen folgen und bei wiederholtem Auftreten auf kindlichen Stress hindeuten. Die Ärztin bat die Hebamme, erneut zu untersuchen. Der Muttermund war nun vollständig geöffnet, die sogenannte „Austreibungsperiode“ begann.

Zu unserer Verwunderung blieb die Ärztin und streifte durch den Raum. Die Stimmung war nun eine andere. Subtil vermittelte sie das Gefühl, dass wir etwas tun müssten. „Vielleicht schonmal mit schieben. Vielleicht die Position wechseln. Und die Wehen sind ja auch ganz schön kurz. Vielleicht lieber doch ein bisschen Oxytocin.“ Innerlich verdrehte ich die Augen. Und die riesengroße Frage nach dem „Warum“ schoss mir durch den Kopf. Hatte ich etwas übersehen? Nicht gut genug gelernt? Die Hebamme warf mir einen ziemlich eindeutigen Blick zu. Sie empfand also genauso. Es gab derzeit keinen Grund für Interventionen.

Leider war die Ärztin anderer Meinung, wirkte unruhig. Sie wollte doch gern selbst noch einmal vaginal untersuchen, um zu schauen, wie das Kind liegt. „Eigentlich schon schön tief, aber ich bin mir nicht sicher.“ Es folgte ein Ultraschall, der zeigte, dass alles gut war. Das Kind hatte sich gut ins Becken eingestellt. Dennoch weiter Ungeduld. Lena wurde zunehmend unsicher, wollte wissen, was sie falsch macht. „Garnichts“, sagte ich ihr. „Machen Sie genauso weiter wie bisher. Hören Sie, was ihr Körper Ihnen sagt. Wenn Sie Druck verspüren, dann dürfen Sie auch schon ein bisschen mit schieben.“ Die Ärztin verlies kurz den Raum.

Wir dimmten das Licht, beruhigten Lena und ihren Mann. Ließen sie den Bauch anfassen, Kontakt zu ihrem Baby aufnehmen. Die Wehen wurden wieder stärker und länger – ihr Körper hatte das ganz allein geschafft. Insbesondere in dieser Geburtsphase muss man dafür sorgen, dass sich die Gebärende geborgen fühlt. Nur so kann ihr Körper ausreichend Oyxtocin bilden – das Hormon, das die Kontraktionen der Gebärmutter bewirkt, die das Kind durch das kleine Becken schieben. Es ging voran, das konnte man allein an Lenas Verhalten ablesen. Sie machte sich ganz rund, hatte den Drang, dem zunehmenden Druck nachzugeben und mitzuschieben. Die Herztöne reagierten, erholten sich außerhalb der Wehen. Ärztin und Oberärztin betraten den Raum.

Schlagartig wurden die Wehen schwächer. Lena lag erschöpft auf dem Bett. Ich hörte die Ärzte sagen, dass „wir“ eine MBU machen und einen intravenösen Zugang legen, damit wir einen Oxytocin-Tropf anhängen können. Eine MBU ist eine Mikroblutuntersuchung, bei der dem Fetus unter der Geburt einige Tropfen Blut aus dem Kopf abgenommen werden. Es folgt dann eine sogenannte Blutgasanalyse, um zu sehen, wie gut das Kind mit Sauerstoff versorgt ist und ob es Stress hat. In dieser Situation eine Entscheidung, die ich nachvollziehen kann. Denn wenn der Wert gut ist, verschafft es der Gebärenden und uns ein bisschen Zeit. Dachte ich.

Wir lagerten Lena in Steinschnittlagerung – auf dem Rücken liegend, die Beine links und rechts in einem Beinhalter. Der Zugang wurde gelegt, das Oxytocin floss in ihre Venen. Und wirkte. Sie wollte sich bewegen, aber konnte nicht. Schrie. Versuchte, es zu unterdrücken. Die erste Blutentnahme vom kindlichen Köpfchen klappte nicht. Es folgte eine zweite. Lena wurde von Wehen überrollt, wollte mitschreiben, gebären. Doch die Ärzte meinten, Sie sollte zunächst die Wehen veratmen. Sie hyperventilierte. Ich hielt ihre Hand und suchte ihren Blick. Atmete mit ihr. Fühlte ihren Schmerz, ihre Panik. „Lasst sie gebären“, pulsierte es in meinem Kopf.

Dann die Erleichterung: Das Kind war gut versorgt, die Blutgasanalyse bot keinen Grund zur Sorge. Nun durften wir weiter machen. Schlagartig begann Lena zu Schieben. Dann wieder Herztonabfall des Kindes. Es erholte sich schnell. Sie wollte dringend die Position wechseln, doch die Ärzte sagten: „Wir helfen Ihnen jetzt ein bisschen mit.“ Ich wusste, was nun folgen würde. Und mein Körper schaltete um in den Krisenmodus. „Fokus“, dachte ich. Und wandte mich Lena zu. Erklärte ihr mit wenigen Worten, was passiert. Und warum. Obwohl ich es selbst nicht verstand. Und nicht mit verantwortlich sein wollte für dieses traumatische Geburtserlebnis. Mit Hilfe einer Saugglocke wurde das Kind aus der Beckenmitte „gezogen“. Sie war tapfer, unglaublich beherrscht. Sie kämpfte für ihr Kind. Und um ihre Würde.

„Vielen Dank, Sie haben mir wirklich sehr geholfen.“ – „Ach dafür sind wir doch da.“ Die Ärztin ist sichtlich erleichtert, vielleicht auch ein bisschen geschmeichelt. Wie der Kleine denn heißen würde, will sie wissen. „Ach super, genau wie meiner. Na, ich hatte auch eine Saugglocke. Dann passt das ja.“ Ich will nur noch raus hier.

Doch ich bleibe stehen. Fühle mich fehl am Platz. Schuldig. Frage mich, warum ich mich dafür entschieden habe, Hebamme zu werden. Und ob es sich weiter für diesen Weg zu kämpfen lohnt. Vielleicht bin ich zu weich. Vielleicht auch fachlich noch viel zu grün hinter den Ohren. Vielleicht einfach zu gutgläubig?

Das Geschehen im Raum reißt mich aus meinen Gedanken. Ich mache weiter. Die Plazenta wird ohne Probleme geboren. „Nur noch schnell die Naht“, denke ich. Das Baby darf der Papa halten, Lena wünscht es sich so. Er freut sich, hat sogar sein Shirt ausgezogen. Schnell beruhigt sich sein Kind. Ein Hoffnungsschimmer. Ein kleines bisschen Frieden.

Ich halte Lenas Hand. Noch während die Ärztin die lokale Betäubung setzt, sagt sie plötzlich: „Vielleicht können wir ja auch schon ein bisschen stillen. Leg den Kleinen ruhig an.“ Ich schüttele mit dem Kopf, kann mein Unverständnis wirklich nur noch schwer zurückhalten. Normalerweise lasse ich das Kind gern auf der Brust der Mutter liegen. Doch ihr war es lieber, es kommt erstmal zum Papa. Zudem wird das mit dem Stillen in dieser Position nicht funktionieren – ein Blick auf die Brust hatte mir das schon im Vorfeld verraten. Ich möchte Lena so gern etwas Ruhe gönnen, doch nun ist die frisch gebackene Mama natürlich unsicher: „Wenn Sie sagen, dass das geht.“ Ich bleibe freundlich und sage, dass wir es ja mal versuchen können. Der Kleine fängt an zu schreien, kann die Brustwarze nicht fassen. Lena hat Schmerzen, während ihre Geburtsverletzungen genäht werden, zuckt immer wieder zusammen. Schließlich bittet sich mich, ihr Baby wieder dem Papa zu geben.

Irgendwann ist es vorbei. Ruhe kehrt ein. Ich mache Lena sauber und helfe ihr in eine bequeme Position. Dann übergebe ich ihr feierlich ihr kleines Wunder. Der Kleine liegt nun Haut an Haut, findet die Brust sofort und beginnt zu saugen. Ich gratuliere ihr. Sie sagt, dass es ihr leid tut. Ich erkläre ihr, dass sie keine Schuld hat. Dass sie eine starke Frau ist und unglaublich kraftvoll geboren hat – obwohl da so ein Chaos war im Raum. Pause. Tränen.

„Eigentlich ganz schön“, höre ich sie sagen. „Eigentlich ganz schön, wenn mal nicht so viele Menschen hier sind.“ Sie bedankt sich, dass die Hebamme und ich die ganze Zeit an ihrer Seite waren und sie bestärkt haben. Wie ich denn so ruhig bleiben könne, will sie wissen. „Wahrscheinlich lernt man das.“

Als ich den Raum verlasse, damit die kleine Familie ihren ersten kostbaren Moment gemeinsam genießen kann, weiß ich wieder, warum ich Hebamme werden will. Und ich weiß auch, dass ich dann nicht mehr Schweigen werde.

+++

Ergänzend zum Text möchte ich sagen, dass sich medizinische Interventionen unter Geburt manchmal nicht vermeiden lassen und das Leben von Mutter und Kind retten können. Sie sollten jedoch gut begründet werden und nach einer umfassenden Aufklärung der Gebärdenden erfolgen. Nur im absoluten Notfall ist dies manchmal nicht möglich. Sonst schon. Leider wird es viel zu selten gemacht. Dabei kritisiere ich nicht die Ärzte an sich, sondern auch Hebammen und andere im Prozess eingebundene Personen, die gewaltvoll kommunizieren und das Recht der Frau auf eine gemeinsame Entscheidungsfindung unter Abwägung der Chancen und Risiken übergehen. Gerade dann, wenn es eine umfassende Betreuung der Gebärenden – in diesem Fall sogar durch Hebamme und Hebammenschülerin gibt – sollte man hier zumindest im Team auf Augenhöhe ins Gespräch gehen und gemeinsam dem weiteren Prozess besprechen. Schließlich zählt unter Geburt selten die Momentaufnahme, sondern das gesamte Bild, das sich meist über einen Zeitraum von vielen Stunden zusammensetzt.

3 Gedanken zu “„Lasst sie gebären.“ – Gedanken einer Hebammenschülerin im Klinkalltag

  1. Vielen liebe Dank für deinen Beitrag! Ich kenne die Situation auch gut aus dem Kreißsaal. Und frage mich dann auch, ob ich die Situation soo falsch eingeschätzt habe. Ich bin dann immer froh, wenn ich die Situation noch mit einer Hebamme nach besprechen kann.
    …und wie sollen wir in diesem Kontext lernen, den physiologischen Prozess so zu betreuen, wie er betreut werden müsste? Wie kann man es hinbekommen, dass Frauen vernünftig über Interventionen aufgeklärt werden, selbstsicher und -bestimmt entscheiden können und damit eben auch nicht aus ihrem Rhythmus gebracht werden? Ich sehe es als Herausforderung und hoffe sehr, dass wir die Situation der Frauen, Kinder und Geburtsbegleitenden verbessern können.
    Liebe Grüße
    Svenja (WeHe aus Kiel)

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  2. Ich brauchte ein paar Anläufe um den Text lesen zu können! Bin selber Hebammenschülerin und finde mich so sehr in dem Text wieder! Ich werde auch bewusst nach der Ausbildung in die außerklinische Geburtshilfe gehen um eben diese auch zu lernen! Denn nur so sehe ich die Möglichkeit eine echte Chance zu haben das Hebammenhandwerk und das Vertrauen in die Gebärfähigkeit von Frauen zu lernen und zu erfahren!

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